Ravensburg, 22.09.2026

Wenn Vertrautes plötzlich fremd wird

Wie fühlt es sich an, wenn alltägliche Dinge ihre Selbstverständlichkeit verlieren? Wenn ein vertrauter Raum plötzlich fremd erscheint, die eigenen Hände nicht mehr das tun, was man möchte oder Menschen etwas erwarten, dass man nicht einordnen kann? Anlässlich der Demenzwoche vom 21. – 27. September haben wir mit der Qualitätsbeauftragten Janine Pfeffer im Haus der Betreuung und Pflege Am Mehlsack in Ravensburg darüber gesprochen, was Menschen mit Demenz fühlen und erleben – und warum ein Perspektivwechsel dabei helfen kann, ihr Verhalten besser zu verstehen.

Vortrag Demenz im Haus Am Mehlsack - Wenn Vertrautes plötzlich fremd wirdStellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf. Die Umgebung wirkt irgendwie vertraut, doch Sie können nicht genau sagen, wo Sie sind. Sie möchten nach Ihrem Schlüssel greifen, aber Ihre Hände machen nicht das, was Sie wollen. Menschen kommen herein, sprechen schnell auf Sie ein und erwarten Dinge, die Sie nicht einordnen können. Was passiert in einem solchen Moment? Unsicherheit entsteht. Vielleicht Rückzug, vielleicht Wut. Für Menschen mit Demenz können solche Erfahrungen Teil ihres Alltags sein. Orientierung, Kurzzeitgedächtnis und Sprache lassen nach. Dinge verlieren ihren vertrauten Zweck, Gesichter können plötzlich fremd wirken. Der Alltag wird mitunter zu einer Reise durch ein fremdes Land – ohne Wörterbuch.

Wenn Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist

Gerade darin liegt eine der großen Herausforderungen im Verständnis von Demenz: Was für Außenstehende vollkommen logisch und alltäglich erscheint, kann für einen erkrankten Menschen eine völlig andere Bedeutung haben. Ein Badezimmer wird möglicherweise nicht mehr als Badezimmer erkannt. Eine Zahnbürste liegt in der Hand, doch wofür sie verwendet wird, ist nicht mehr präsent. Mehrere Geräusche, viele Menschen oder hektische Abläufe können überfordern. Auch Informationen miteinander zu verbinden, wird schwieriger. Steht plötzlich ein vermeintlich fremder Mensch im Zimmer, fehlt womöglich die Erinnerung daran, dass es sich um eine Pflegekraft handelt. Angst, Misstrauen oder Abwehr können die Folge sein. Ebenso kann ein Mensch mit Demenz das Bedürfnis äußern, „nach Hause“ zu müssen – obwohl er sich bereits in seinem Zuhause befindet. Wer dieses Verhalten ausschließlich von außen betrachtet, empfindet es möglicherweise als unverständlich. Aus Sicht der betroffenen Person gibt es jedoch häufig einen konkreten Grund dafür. Verhalten kann Ausdruck eines Bedürfnisses oder der Versuch sein, eine belastende Situation zu bewältigen. Wenn Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr ausreichend in Worte gefasst werden können, äußern sie sich möglicherweise anders: durch Unruhe, Rückzug, Aggressivität, Rufen oder Weglaufen. Dahinter können Angst, Schmerzen, Hunger, Durst, Müdigkeit, Einsamkeit oder schlicht Überforderung stehen.

Der Verstand verändert sich – das Gefühl bleibt

Während Orientierung, Erinnerungsvermögen und Sprache zunehmend beeinträchtigt sein können, bleiben andere Ebenen lange erhalten. Neugelerntes verschwindet häufig zuerst, Erinnerungen aus Kindheit und Jugend bleiben länger bestehen. Vor allem aber bleiben Gefühle. Menschen mit Demenz nehmen Stimmung, Tonfall und Körpersprache ihres Gegenübers sehr genau wahr – selbst dann, wenn Worte nicht mehr vollständig verstanden werden. Gefühle werden damit zu einer Art Hauptkompass. Ob ein Gegenüber gestresst, ungeduldig oder ehrlich zugewandt ist, wird wahrgenommen. Und die damit verbundene Emotion kann noch lange nachwirken, auch wenn der konkrete Anlass bereits vergessen ist. Umso wichtiger ist es, nicht ausschließlich auf die Erkrankung und ihre Einschränkungen zu schauen. Wer einen Menschen mit Demenz verstehen möchte, muss auch seine Lebensgeschichte kennen: Was hat dieser Mensch früher gerne gemacht? Welche Menschen waren ihm wichtig? Welchen Beruf hatte er? Welche Gewohnheiten und Rituale haben sein Leben geprägt? Biografie kann helfen, Verhalten zu verstehen, das aus heutiger Perspektive zunächst rätselhaft erscheint.

Erleben, was Überforderung bedeutet

Wie sich solche Veränderungen anfühlen können, lässt sich von außen nur schwer nachvollziehen. Einen Zugang dazu bietet der Demenz-Parcours von Hands-on-Dementia. An verschiedenen Stationen erleben die Teilnehmenden typische Alltagssituationen unter erschwerten Bedingungen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, eine Demenzerkrankung vollständig nachzuahmen. Vielmehr soll ein Gefühl dafür entstehen, wie sich bestimmte Einschränkungen und Veränderungen im Alltag anfühlen können. Sehen, Hören, Tasten, Beweglichkeit, Orientierung oder Erinnerungsvermögen werden bei unterschiedlichen Aufgaben erschwert. Tätigkeiten, die normalerweise beinahe automatisch funktionieren, verlangen plötzlich enorme Konzentration. Janine Pfeffer beobachtet dabei immer wieder, wie anfängliche Belustigung und Ehrgeiz Hilflosigkeit und Frustration weichen. Der entscheidende Moment entsteht häufig dann, wenn Teilnehmende feststellen: „Ich streng mich so an, aber mein Kopf und meine Hände machen einfach nicht mehr, was ich will!“ Aus einer vermeintlich einfachen Aufgabe wird eine Erfahrung von Kontrollverlust und Überforderung.

Ein Wechsel der Perspektive

Dieses eigene Erleben kann verändern, wie das Verhalten eines Menschen mit Demenz anschließend wahrgenommen wird. Aus dem Gedanken „Der Bewohnende stellt sich stur“ kann eine andere Sichtweise entstehen: Dieser Mensch befindet sich gerade in einer echten Krise und braucht Ruhe und Unterstützung. Genau darin liegt der Wert des Perspektivwechsels. Nicht jedes Verhalten muss auf den ersten Blick verständlich sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, nach dem möglichen Bedürfnis dahinter zu fragen. Denn auch wenn Erinnerungen verloren gehen, Worte fehlen und vertraute Situationen fremd werden, bleibt eine zentrale Erkenntnis:

„Ein Mensch mit Demenz ist nicht seine Erkrankung.“

Hinter einem Verhalten, das schwierig, unverständlich oder herausfordernd erscheinen mag, steht ein Mensch mit einer eigenen Lebensgeschichte, eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen.

Demenz verstehen – und ein Stück weit erleben

Wer diesen Perspektivwechsel selbst erfahren möchte, hat im Rahmen der Demenzwoche Gelegenheit dazu. Am 25. September 2026 um 17:00 Uhr findet im Haus Am Mehlsack der Vortrag „Was fühlen und erleben Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind?“ statt.

Im Anschluss an den Vortrag sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, am Demenz-Parcours von Hands-on-Dementia selbst aktiv zu werden. An verschiedenen Stationen können sie erleben, wie vertraute Alltagssituationen plötzlich zur Herausforderung werden – und damit einen Eindruck davon gewinnen, was Überforderung, Unsicherheit und der Verlust von Selbstverständlichkeiten bedeuten können.

Vortrag und Parcours möchten damit vor allem eines ermöglichen: Menschen mit Demenz und ihrem Erleben mit mehr Verständnis zu begegnen. Die Veranstaltung ist kostenfrei.